Kein Oktopus: Neuklassifizierung eines 300 Millionen Jahre alten Fossils verändert die Geschichte der Kopffüßer

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Über zwei Jahrzehnte lang trug ein bestimmtes Fossil namens Pohlsepia mazonensis einen prestigeträchtigen, wenn auch umstrittenen Titel: der älteste Oktopus der Welt. Es wurde angenommen, dass dieses im Guinness-Buch der Rekorde aufgeführte Exemplar unser Verständnis der Evolution auf den Kopf gestellt hat, indem es darauf hindeutet, dass Kraken über 150 Millionen Jahre früher existierten als bisher angenommen.

Eine neue Studie, die in Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde, hat den Rekord jedoch offiziell korrigiert. Forscher haben festgestellt, dass es sich bei diesem Exemplar überhaupt nicht um einen Oktopus handelte, sondern um einen entfernten Verwandten des Nautilus.

Das Geheimnis der „fehlenden“ Muschel

Das Fossil stammt aus der Mazon Creek Lagerstätte, einer berühmten geologischen Stätte mit außergewöhnlich gut erhaltenen Fossilien aus der späten Karbonzeit (vor etwa 306–311 Millionen Jahren).

Als die Art im Jahr 2000 erstmals beschrieben wurde, schien sie ein „fehlendes Glied“ in der Evolution der Kopffüßer zu sein. Es besaß mehrere Merkmale, die für einen Oktopus charakteristisch zu sein schienen:
– Ein verschmolzener Kopf und Mantel.
– Symmetrische Flossen.
– Eine Krone aus Armen und Tentakeln.
Völliges Fehlen jeglicher sichtbarer innerer oder äußerer Hülle.

Da die Muschel fehlte, gingen Paläontologen davon aus, dass es sich um einen primitiven Oktopus mit weichem Körper handelte, was die Ursprünge der Gruppe in das Paläozoikum zurückversetzt hätte.

Hightech-Erkennung bringt die Wahrheit ans Licht

Der Fehler blieb jahrelang bestehen, da der Organismus vor seiner Versteinerung erheblich zerfallen war und eine rätselhafte, „sackartige“ Form zurückließ, die seine wahre Identität verschleierte.

Um das Rätsel zu lösen, verwendete ein Team unter der Leitung von Dr. Thomas Clements fortschrittliche Synchrotron-Mikro-Röntgenfluoreszenz-Elementarkartierung. Dieses hochauflösende Scannen ermöglichte es den Forschern, durch die Gesteinsmatrix zu blicken und ein winziges, bisher unentdecktes Merkmal zu identifizieren: die Radula.

Die Radula ist eine spezielle, gezahnte Zunge, die in den meisten Weichtieren vorkommt. Durch die Analyse seiner spezifischen Form und Morphologie gelangte das Team zu einer endgültigen Schlussfolgerung:

Das Vorhandensein dieser spezifischen Radula weist darauf hin, dass Pohlsepia mazonensis kein Mitglied der Oktopus-Linie ist, sondern ein Nautiloid – eine Gruppe von Kopffüßern, die typischerweise Muscheln besitzen.

Infolgedessen wurde das Exemplar in Paleocadmus pohli umklassifiziert.

Warum das für die Evolutionswissenschaft wichtig ist

Durch diese Neuklassifizierung wird nicht nur ein einzelner Eintrag in einem Rekordbuch korrigiert; Es kalibriert die gesamte evolutionäre Zeitlinie der Kopffüßer neu.

  1. Korrektur der Zeitleiste: Durch die Entfernung dieses „falschen“ Oktopus aus den Aufzeichnungen des Paläozoikums untermauert die Studie die Theorie, dass echte Kraken (Kronen-Oktopoda) tatsächlich viel später, während des mittleren bis späten Mesozoikums, entstanden sind.
  2. Widerlegung alter Theorien: Die Ergebnisse mindern die Glaubwürdigkeit anderer kontroverser Theorien, wie etwa der Vorstellung, dass das alte Fossil Nectocaris pteryx ein Verwandter moderner Coleoid-Kopffüßer war.
  3. Ein neuer Rekord: Obwohl es sich nicht mehr um den ältesten Oktopus handelt, zeichnet sich das Exemplar jetzt durch eine andere Unterscheidung aus: Es stellt das älteste erhaltene Weichgewebe eines Nautiloiden dar, das jemals gefunden wurde.

Fazit

Die Neuklassifizierung von Pohlsepia mazonensis ist eine wichtige Erinnerung an die Komplexität der Paläontologie. Es verdeutlicht, dass selbst die „charismatischsten“ Fossilien im Zuge der Weiterentwicklung der Bildgebungstechnologie einer ständigen, strengen Neubewertung bedürfen und uns ermöglicht, zu sehen, was einst im Stein verborgen war.